Die Landwirtschaft im Wandel der Zeit 

von Kurt Kiermeier

 

Im Anschluß finden Sie eine fundierte Dokumentation von unserem Vereinsmitglied Kurt Kiermeier. Er beschreibt hierin detailgenau und grundlegend eroriert "Die Landwirtschaft im Wandel der Zeit" am Beispiel der Stadt Waibstadt und Umgebung.

Herausgegeben aus Anlaß des 1200jährigen Jubiläums im Juli 1995 der Stadt Waibstadt

 

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Einleitung:

Das ganze Mittelalter hindurch und bis weit ins letzte Jahrhundert hinein, prägte die Landwirtschaft die gesamte Bevölkerung und deren Alltag. Sie bildete die Lebensgrundlage mit der Verpflichtung, Abgaben, "Zehnte", an die Grundherrschaft abzuführen. Nach der Überlieferung war der Zehnte ursprünglich eine Staatssteuer für kirchliche Bedürfnisse, die zu einem Drittel an den Klerus und dem Bischof, zu einem Drittel der Kirche und der Gottesdienstunterhaltung und zu einem Drittel den Armen zugewendet werden sollte. Das Zehnt-Recht war im Mittelalter eine verkäufliche dingliche Sache. So ging die Zehnt-Gerechtigkeit durch Kauf oder Beleihung in viele Hände. Hierdurch wurde der ursprüngliche Zweck aufgehoben.

 Pflügender Bauer, Ernte und Transport von Getreide zur Mühle, Holzschnitt von 1473

Der "große Fruchtzehnt" wurde nur von Korn, Spelz und Hafer erhoben. Zum "kleinen Zehnten" rechnete man die Abgabe von Erbsen, Gerste, Saubohnen, Wicken, Hanf, Kraut, Rüben und Obst.

Der "Weinzehnt" wurde nach den Anbaudistrikten erhoben. Vom 17. Jahrhundert an fand die Auszehntung an den Stadttoren statt. Hier wurden die Zehnttrauben auf der städtischen Kelter gepresst und die Zehntherren erhielten ihren Anteil.

Der "Blutzehnt" umfasste die Abgaben von Tieren und wurde besonders drückend empfunden. Zur Zeit der Zehntablösung um 1830 wurde er nur noch von Schlachtschweinen erhoben.

Die landwirtschaftliche Tätigkeit war geprägt von der Dreifelderwirtschaft. Dieses Anbausystem ging davon aus, dass mit der Anpflanzung der einzelnen Getreidearten abgewechselt werden müsse, um gutes Ackerland nicht unfruchtbar zu machen. Dieses System wurde im frühen Mittelalter zur Zeit der Karolinger eingeführt und war damals ein großer Fortschritt und ist es auch geblieben, solange die Bevölkerung nicht zu groß war.

Dadurch war die Waibstadter Gemarkung in drei Fluren geteilt, die ihre Bezeichnungen bis zum heutigen Tage erhalten haben. Helmstadter Flur, Neckarbischofsheimer Flur und Daisbacher Flur. Da die Neckarbischofsheimer Flur sehr klein war, wurde ihr der Kühnberg und Herrgottsberg zugeordnet.

In dieser Wirtschaftweise waren Ackerbau und Viehwirtschaft so aufeinander abgestimmt, dass Winterfrucht, Sommerfrucht und Brache im Wechsel folgten. Im Winterbau wurden Korn, Spelz und Weizen angebaut. Im Folgejahr Sommerfrucht nämlich Hafer und Gerste. Im dritten Jahr blieb sie brach liegen und diente zwischen Herbst und Frühling als Weide. Daher mussten die Fluren umzäunt werden.

Dieses Anbausystem verlangte wegen der geringen Anzahl an Wegen absolute Einhaltung durch sämtliche Bewirtschafter. Denn alle waren verpflichtet die gleiche Fruchtart anzubauen und zur selben Zeit einzusäen. Nur so war gewährleistet, dass das Getreide zur gleichen Zeit reifte, damit alle miteinander ernten konnten. Der sogenannte Flurzwang wurde vom Bürgermeister gehandhabt und er bestimmte den Zeitpunkt der Aussaat sowie der Ernte. Wer früher einsäte, musste in Kauf nehmen, dass die Bewirtschafter der hinter seinem Grundstück befindlichen Äcker über sein Feld fuhren, außerdem wurde er bestraft.

Die Dreifelderwirtschaft kannte nur den Getreideanbau. Futter anzubauen, erübrigte sich, solange die Bevölkerungszahl und somit auch die Anzahl des Viehs klein war. Hier genügten der Allgemeinheit zunächst die Äcker der Sommerfrucht bis zum Umbruch im Bruchmonat als Viehweide.

Das Vieh wurde dem Viehhirten mitgegeben, der Raine, das Brachland, Waldränder und im Winter Wiesen abweiden ließ. Durch die Benutzung der Brache als Weideland nahm auch der ärmere Bauer an der Gesamtweide teil, was dazu beitrug, die Differenz starker sozialer Gegensätze zu mindern. Während des Sommers wurde das Vieh mangels Allmendland in die Wälder getrieben. Der Weidebetrieb unterstand der Gemeinde. Als der Neidensteiner Burgherr Freiherr von Venningen seine Herden 1580 auf den Weißen Berg treiben ließ, bestrafte die Stadt den Venningschen Hirten und erhob Protest. 1690 wandte sie sich energisch gegen den adligen Herrn von Degenfeld, der seine Herden von Ehrstädt aus über die Waibstadter Gemarkung trieb.

Die tägliche Stallfütterung im heutigen Sinne gab es nicht. Das Vieh wurde nur, wenn man es zum Pflügen benötigte oder im Winter, wenn Schnee lag und alles gefroren war, notdürftig mit Stroh und Heu gefüttert. Es war daher auch, wenn die Frühjahresarbeiten begannen, halb verhungert und so geschwächt, dass es fast nicht mehr alleine aufstehen konnte. Es musste oftmals am Schwanz hochgezogen werden, weshalb man auch vom Schwanzvieh sprach.

Der Anbau von anderen Kulturen ausser Getreide spielte früher nur eine bescheidene Rolle. Man kannte zwar schon aus der Zeit der Karolinger (8. Jahrhundert) fast alle Hülsenfrüchte und die verschiedenen Kohl- und Rübenarten, auch Ölfrüchte wie Mohn oder Raps. Der Anbau dieser Früchte passte jedoch nicht in das System der Dreifelderwirtschaft. Sie konnten daher fast nur in Haus- oder Krautgärten angepflanzt werden. Dass eine solche Landwirtschaft keine großen Erträge bringen konnte, liegt auf der Hand, da nur bescheidene Möglichkeiten zum Düngen bestanden. 

Mit den weit in die Neuzeit verwendeten Hakenpflügen wurde die Erde nur aufgerissen und nicht gewendet. Bei solch bescheidenen Voraussetzungen für den Ackerbau brauchten die geringen Ernteerträge nicht zu überraschen. Leider besitzen wir hierüber nur ungenaue, sich teilweise widersprechende Unterlagen, so dass wir auf Vermutungen angewiesen sind. Brachte im Mittelalter ein ausgesätes Korn 4-5 Körner zur Ernte, dann war die sehr viel. Die heutige Erntemenge liegt je nach Sorte und Intensität bei ca. 50 Körnern pro ausgesätes Korn.

Es ist anzunehmen, dass der Ertrag max. die dreifache Aussaatmenge war, was ein Ertrag von 3-4 dt/ha entspricht. Hieraus ergibt sich, dass ein Bauer aus seiner Landwirtschaft keine großen Reichtümer ansammeln konnte. Eine Mehrung seines Besitzes war hiernach nur durch Erbschaft oder Heirat einer begüteten Bauerstochter zu erreichen.

 

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